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Läuserückfallfieber: Wie der Erreger dem Immunsystem entkommt

19.06.2026

Das Läuserückfallfieber wird durch das Bakterium Borrelia recurrentis ausgelöst und zählt zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten des Menschen. Gegenwärtig werden Ausbrüche in den Ländern um das Horn von Afrika verzeichnet. Forschende der Universitätsmedizin Frankfurt und der Justus-Liebig-Universität Gießen haben jetzt fünf Proteine bei Borrelia recurrentis identifiziert, die jeweils in der Lage sind, Teile der angeborenen Immunabwehr zu blockieren und so das Überleben des Bakteriums im Blut zu ermöglichen. Die Aufklärung von Struktur und Funktion der Proteine hat bereits zur Entwicklung diagnostischer Tests beigetragen und könnte zum Ansatzpunkt künftiger Impfstoffe werden.

FRANKFURT. Das Läuserückfallfieber wird durch das Spiralbakterium Borrelia recurrentis ausgelöst, das durch Körperläuse (nicht Kopfläuse) übertragen wird. Erstmals wurde die Erkrankung von Hippokrates (460-370 v. Chr.) erwähnt. Erste Symptome der Infektion sind hohes Fieber über mehrere Tage; danach schließt sich ein fieberfreies Intervall an. In der Regel folgen mehrere (rezidivierende) Fieberepisoden aufeinander. Die Erkrankung kann antibiotisch behandelt werden. Unbehandelt verlaufen Infektion mit Borrelia recurrentis jedoch in bis zu 20 Prozent der Fälle tödlich – vor allem in Regionen der Welt, wo eine flächendeckende medizinische Versorgung nicht gewährleistet ist.

Denn das Läuserückfallfieber zählt zu den armutsassoziierten und vernachlässigten Erkrankungen, den sogenannten „Poverty-Related Neglected Diseases“. Im vergangenen Jahrhundert gab es noch große, epidemische Ausbrüche in Europa. Aktuell sind afrikanische Länder um das Horn von Afrika von vereinzelten Ausbrüchen betroffen: Eritrea, Äthiopien, Somalia und Süd-Sudan. In Europa kommen vereinzelten Studien zufolge mit Borrelien infizierte Körperläuse nicht vor. Diese Infektionserkrankung erlangte jedoch größere Aufmerksamkeit im Jahr 2015, als das Läuserückfallfieber in verschiedenen europäischen Ländern vermehrt bei Flüchtlingen diagnostiziert wurde.

Chi-Proteine sichern Überleben des Erregers

Ein Forschungsteam um Prof. Peter Kraiczy, Leiter der Arbeitsgruppe „Borrelien“ am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der Universitätsmedizin Frankfurt und der Goethe-Universität, gemeinsam mit Wissenschaftler*innen der Justus-Liebig-Universität Gießen hat jetzt fünf einander ähnliche Proteine identifiziert und charakterisiert, die für das Überleben von Borrelia recurrentis im menschlichen Körper entscheidend sind. Die sogenannten Chi-Proteine stammen offenbar von einem gemeinsamen Vorläufer ab und werden daher als homolog bezeichnet. Sie verhindern durch spezifische Bindung an Proteine im Blut, dass ein wichtiger Teil der angeborenen Immunabwehr aktiviert wird, das humane Komplementsystem. Damit verhindern die Chi-Proteine, dass das Komplementsystem die eindringenden Bakterien markiert und abtötet.

Zusätzlich können die Chi-Proteine die im Blut vorhandene Enzymvorstufe Plasminogen binden und zu aktivem Plasmin spalten. Kraiczy erklärt: „Von anderen Erregern wissen wir, dass sie das körpereigene Plasmin dazu verwenden, um in Gewebe einzudringen. Zusammen mit der Fähigkeit der Chi-Proteine, das Komplementsystem zu blockieren, verschafft sich Borrelia recurrentis viele Vorteile, um nach dem Eindringen in den menschlichen Körper zu überleben und sich auszubreiten.“

Diagnostische Tests entwickelt

Auf Basis dieser Erkenntnisse haben die Forschenden um Kraiczy bereits diagnostische Tests entwickelt, auch für die Entwicklung von Impfstoffen kämen diese Proteine potenziell in Frage. Kraiczy: „Fieber unklarer Genese tritt ja bei vielen Infektionskrankheiten auf, so dass Erreger-spezifische, Tests es ermöglichen, rasch eine passende Antibiose gegen den Erreger einzuleiten. Hier sind wir aktuell schon sehr weit vorangeschritten und führen derzeit Studien in Kenia und Nigeria mit in unserem Labor entwickelten, serologischen Tests durch.“ Impfstoffe könnten wichtig sein, um für größere Epidemien gewappnet zu sein, so der Mikrobiologe. „Obwohl europäische Körperläuse derzeit den Erreger noch nicht in sich tragen, müssen wir davon ausgehen, dass infolge zukünftiger Unruhen und Krisen erneut erkrankte Menschen nach Europa gelangen und infizierte Körperläuse einschleppen, die dann hier zu Krankheitsausbrüchen führen können“, erläutert Kraiczy.

Die Forschungsarbeit wurden durch das Land Hessen im LOEWE-Zentrum DRUID (2018-2024) gefördert. Es hatte zum Ziel, die Forschung der hessischen Universitäten im Kampf gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten voranzutreiben. https://www.loewe-druid.de/

Wissenschaftliche Ansprechpartner:in

Prof. Dr. Peter Kraiczy
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene
Universitätsmedizin Frankfurt und
Goethe-Universität Frankfurt
Tel: +49 (0)69 6301–7165
E-Mail: Kr*****@**************rt.de

Originalpublikation: https://www.nature.com/articles/s41467-026-72359-y

Weitere Informationen: https://www.unimedizin-ffm.de/einrichtungen/institute/zentrum-der-hygiene/medizinische-mikrobiologie-und-krankenhaushygiene

Quelle: Pressemitteilung Goethe-Universität Frankfurt am Main 06/2026

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